Pressestimmen 2022

RHV – 16.07.2022

Doppelbödige Komödie

Rother Schlosshofspieler zeigen „My fair Lady“ auf Fränkisch

ROTH – Das Vorbild für das Erfolgsmusical „My fair Lady“ zeigen die Schlosshofspieler ab Samstag, 16. Juli, 20 Uhr: George Bernard Shaws „Pygmalion“ ist eine Parabel über soziale Schieflagen – und funktioniert „aff Fränggisch“ bestens.

Dass ein fränkisches Ensemble in einer fränkischen Kleinstadt sich nicht mit dem Pseudo-Berlinerisch abgeben würde, mit dem die ursprüngliche deutsche Übersetzung jongliert, war klar. Die südmittelfränkische Adaption der unkaputtbaren Geschichte um die arme Straßenverkäuferin Eliza Doolittle und ihren selbstsüchtigen Mentor Henry Higgins nebst zahlungskräftigem Kumpel Oberst Pickering bekommt im „Dialeggd“ einen ganz eigenen Charme und lebt nicht zuletzt von jenem persönlichen Zugang, wie er nur in einer kleinen Stadt möglich ist, wo sich alle untereinander kennen.

Deshalb sorgen Higgins‘ sprachwissenschaftliche Deduktionen auch schon bei der Generalprobe des vom Regietrio Docky Schattner, Tobias Kilian und Werner Müller dicht und rasant erzählten Stückes für frenetisches Gelächter. Kostprobe: „Sie stammen aus Roth, haben aber viele Jahre in München und Wuppertal verbracht“, sagt der ebenso arrogante wie verklemmte Professor dem verblüfften Oberst auf den Kopf zu.

Kein Kunststück, denn in diesem Fall arbeitet der von Frank Harzbecker als hinreißend selbstverliebter Kotzbrocken angelegte Wissenschaftler mit realen Biografie-Details seines Gegenübers. Thomas Schattner gelingt es, seinen Pickering als im Kern herzensguten Oberschicht-Protagonisten zu zeichnen, dem seine Bildung und sein gesellschaftlicher Stand nie den Blick auf die Nöte der „einfachen Leute“ versperren.

Mögen die sozialen Gräben im Jahr 2022 auch nicht mehr so tief wie im beginnenden 20 Jahrhundert sein, so kommt eine junge Frau wie die Brezenverkäuferin Eliza dennoch spürbar aus dem richtigen Leben. Julia Metzger meistert die beileibe nicht einfache Aufgabe, die Entwicklung von der leicht vulgären, nur von mangelnder Bildung und Sprachkompetenz, aber gewiss nicht von fehlendem Intellekt ausgebremsten Tochter eines Kanalarbeiters zur gebildeten Dame von Welt in zwei knappen Theaterstunden so nachzuvollziehen, dass man ihr die Transformation abnimmt.

Das atmet natürliche Souveränität und schauspielerische Klasse und belegt wieder einmal, dass die Schlosshofspiele Roth den Status eines Laienensembles längst hinter sich gelassen haben.

Zudem kann sich diese Truppe den Luxus leisten, selbst Nebenrollen mit versierten Darsteller-Urgesteinen zu besetzen. So bilden Claudia Greger und Gerhard Michal ein Zwerchfell-erschüttendes Hausangestellten-Buffopaar, das mit trockenem Humor die Handlung vorantreibt und an einer Stelle sogar die Schlüsselfunktion für den Fortgang hat. Auch die hochnäsige Familie Eynsford-Hill mit Maria Hemmerich, Alina Lauterbach und Marcus Schattner ist ein satirisches Highlight, weil sie den Typus der Neureichen klar konturiert auf die Bühne spiegelt.

Einsamer Höhepunkt freilich ist die Szene, in der Armin Gsänger als „Fetzentandler“ Alfred Doolittle seine Tochter in maximaler Scheinheiligkeit für fünf Pfund an Professor Higgins verschachert, damit der ein Versuchsobjekt für sein „Sprache schafft sozialen Status“-Experiment hat. Bauernschläue trifft auf Zynismus, man würde die beiden gerne stundenlang ohrfeigen. Und geht mit einem breiten Lächeln nach Hause, weil man Theater auf Höchstniveau gesehen hat.

Hans von Draminski


RHV – 27.06.2022

George Bernard Shaws „Pygmalion“

Rother Schlosshofspiele: So klingt „My Fair Lady“ auf Fränkisch

ROTH – Statt dem „P“ ein „B“ und statt „T“ gerne mal „D“ – der fränkische Dialekt hält vor allem für Auswärtige allerhand Stolpersteine bereit. Die Rother Schlosshofspieler machen daraus eine Tugend …

„Es grünt so grün…“ Die Rother Schlosshofspiele haben sich das wohl bekannteste Sozialexperiment der Weltliteratur vorgenommen und spielen ab 16. Juli George Bernard Shaws „Pygmalion“ – auf Fränkisch. Weltbekannt wurde die Geschichte um die junge Brezenverkäuferin Eliza Doolittle und den Sprachforscher Henry Higgins als Musical „My Fair Lady“. Im Schlosshof wird zwar nicht gesungen, dafür gibt es verschiedene Färbungen des „Fränggisch’n“, wie es in Roth und seinen einstmals dörflichen Ortsteilen heute noch gesprochen wird.

Zur Erinnerung: Shaws britisches Original lebt von den heftigen Gegensätzen zwischen dem gestelzten Hochenglisch der britischen Oberschicht des frühen 20. Jahrhunderts und dem breiten Cockney-Dialekt, wie er von Eliza und ihrem Umfeld gesprochen wird: Sprache als Sozialmerkmal und auch als Eintrittskarte in „höhere Kreise“. Deutsche Adaptionen behalfen sich oft mit Berliner Dialekt, die Schlosshofspieler setzen „Pygmalion“ nun, was nahe liegt, ins Fränkische um.

Was erstaunlich gut funktioniert, weil die Mitglieder des semiprofessionellen Theaterensembles ihre heimische „Sproch“ samt und sonders noch beherrschen. Regie führt in diesem Jahr ein Dreiergespann aus Stammregisseur Werner Müller, Docky Schattner, die ebenfalls zu den Urgesteinen auf dem Schlosshof-Regiehocker zählt, und dem Neuzugang Tobias Kilian, der sich seine ersten Sporen am Rother „Kult-Urtheater“ verdiente und unter anderem als Schauspieler am Hamburger Ohnsorg-Theater wirkte, wofür er eigens Plattdeutsch lernte.

Zurück in Roth darf sich Tobias Kilian mit den unterschiedlichen Fassungen seines Heimatdialekts auseinandersetzen. Frank Harzbecker analysiert als Linguist Henry Higgins die Herkunft und Lebensgeschichte eines Menschen anhand des Dialekts beinahe Hausnummern-genau und sorgt damit schon bei der Probe für Zwerchfellerschütterungen.

Julia Metzger als Eliza Doolittle bildet nahe an der Realität jene Anlautschwächen ab, die den Franken auch in der Fremde kenntlich machen: Das „P“ und das „B“ werden wie auch „T“ und „D“ gerne verwechselt – und je stärker sich Dialektsprechende um Richtigkeit bemühen, desto falscher werden die Ergebnisse. Hautnah nachzulauschen im „Pygmalion“ der Schlosshofspieler.

Und auch der zynische Beiklang, den Shaw sehr bewusst in sein sozialkritisches Stück mischte, bleibt im Schlosshof erhalten. Armin Gsänger darf mit Alfred Doolittle ein skrupelloses Unterschicht-Schlitzohr geben, das seine Tochter Eliza für fünf Pfund an Professor Higgins verschachert, der in dem Mädchen nicht mehr als ein Experiment sieht: Wie oberklassen-tauglich wird ein Mensch, wenn man sie oder ihn qua Sprache aus dem sozialen Getto holt? Die Antwort auf diese Frage wird ab 16. Juli, 20 Uhr, bei den Freilicht-Aufführungen im Rother Schlosshof gegeben.

Hans von Draminski


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