Rother Schlosshof-Spiele
 




Pressestimmen 2019


RHV – 22.07.2019

Nachdenkliche Parabel im Rother Schlosshof
Schlosshofspieler beschreiten neue Wege – mit spürbarem Erfolg

ROTH – Die Rother Schlosshofspiele geben sich in diesem Sommer genuin russisch – und bringen großes Welttheater auf die Bühne

Anton Tschechow war ein Literat, der nie in Schablonen dachte, aber der dafür die Menschen, unter denen er lebte, umso besser kannte. In ihren Schrullen, ihren Unzulänglichkeiten, ihren Obsessionen. Eben dem, was so gerne als „Volksseele“ pauschaliert wird. Im Schlosshof darf Tschechows „Möwe“ ihre Schwingen ausbreiten und nur vordergründig theatralische Schwerelosigkeit demonstrieren.

Denn eines wird schnell klar: Das Spiel, das Werner Müller und seine Co-Regisseurin Docky Schattner hier präsentieren, ist nicht nur doppelbödig, sondern auch hintersinnig, bissig, kritisch und ein Tritt in den Hintern einer Spaßgesellschaft, die sich von jener der Gegenwart bestenfalls in Details unterscheidet.

Ein russisches Landgut, in dem sich Bewohner, Gäste und Personal vor allem langweilen, ihren Standesdünkel pflegen und nach Herzenslust mobben. Über die, die gerade nicht im Raum sind, wird gnadenlos gelästert, getratscht, geschimpft. Und der Mitmensch ist bestenfalls Kontrastfolie für die Selbstdarstellung von Zeitgenossen, die in den seltensten Fällen wirklich sympathisch erscheinen.

Wenn Günther Fink mit seinem Männerchor stimmgewaltig und in recht idoimatischem Russisch melodische Volkslieder aus dem Zarenreich intoniert, erscheint das angesichts der selbstverliebten Protagonisten wie eine ironische Spitze. Idyllisch ist hier nämlich im Gegensatz zur heilen Welt in den Texten jener Ohrwürmer grundsätzlich gar nichts, unter der Oberfläche lauern Gefühlskälte und ein nicht unbeträchtliches Maß an Bosheit.

Tschechow entwarf Archetypen, Müller und Schattner inszenieren sie. Da wäre etwa die egozentrische Schauspieldiva Irina Arkadina, der Manuela Grasl eine Menge Überdrehtheit und eine kräftige Portion Egoismus mitgibt. Dass ihr hochbegabter Sohn Kostja, Regisseur und Schriftsteller, in ihren Augen ein Versager ist, lässt sie ihn permanent spüren und realisiert dabei nicht, dass sie sein Leben zerstört. Frank Harzbecker füllt diese fragile Figur, die inmitten der dröhnenden Hautevolee wie ein Fremdkörper wirkt, mit subtiler Darstellungskunst: ein Empfindsamer und Empfindlicher in einer viel zu ichbezogenen Welt.

Klar, dass seine Beziehung zu der jungen Schauspiel-Elevin Nina scheitern muss. Die ist bei Julia Metzger eine junge Frau, wie man sie auch 2019 findet: ehrgeizig und zielstrebig einerseits, wenig klarsichtig und viel zu spontan andererseits. Sie verlässt ihr Elternhaus und Kostja, um mit dem Schriftsteller Boris Trigorin (Bräsiger Bohèmien: Thomas Schattner) nach Moskau zu gehen, wo der Traum von der Bühnenkarriere schnell zerschellt. Der Rest ist Selbstzweifel und Tragik. Ob Kostja sich am Ende tatsächlich umbringt, bleibt offen.

In das Hauptstück verwoben hat das Regieteam die beiden Tschechow-Einakter „Der Heiratsantrag“ und „Der Bär“. Auch hier werden komplizierte Beziehungskisten aufgemacht, in denen Maria Hemmerich, Richard Schattner, Anna-Lena Harzbecker, Claudia Greger, Armin Gsänger und Claudia Harzbecker dem Affen ganz viel Zucker geben und wie unter hartem Blitzlicht scharf konturierte Einblicke in russische Befindlichkeiten geben.

Zum Schenkelklopfen und Vor-Lachen-vom-Stuhl-Kippen gibt es hier wenig, zum Schmunzeln und Nachdenken dafür umso mehr. In die Geschichte der Schlosshofspiele geht die „Möwe“ zweifellos als besonderes Highlight ein.

Hans von Draminski